Experten pochen auf Legalisierung von Medizinalhanf

Wien, 29. Juli 2018 – Ein Vertreter der Österreichischen Schmerzgesellschaft hat sich zuletzt gegen natürliche Cannabinoide in der Medizin ausgesprochen und für synthetische Fertigprodukte plädiert. Dabei dominierten neben fehlender ärztlicher Erfahrung die Interessen von Pharmafirmen. So sind etwa Bionorica und Trigal Pharma Sponsoren der Österreichischen Schmerzgesellschaft. Die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin appelliert jetzt an Gesundheitsministerin Beate Hartinger, für eine Gesetzesänderung im Sinne der Patienten zu sorgen.

Die Erfahrungen von Ärzten, die Cannabisblüten eingesetzt haben, sind ausgezeichnet. Die Verträglichkeit von Cannabisblüten ist meist besser als von reinem THC. Hinzu kommt, dass die Blüte aufgrund standardisierter Wirkstoffzusammensetzungen gut dosiert werden kann. Das zeigen seit langem Länder wie Kanada, Israel, die Niederlande und seit 2017 auch Deutschland. Von miserablen Erfahrungen sprechen nahezu ausschließlich Ärzte, die keine Cannabisblüten einsetzen und daher auch keine Erfahrung damit haben“, sagt der deutsche Arzt und Cannabisspezialist Franjo Grotenhermen. Der Vorsitzende der International Association for Cannabinoid Medicines (IACM) publizierte neben zahlreichen Studien zuletzt in der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft die Standardwerke Cannabis. Arbeitshilfe für die Apotheke und Cannabis. Verordnungshilfe für Ärzte.

Angesprochen auf einen jetzt in Deutschland von der Techniker Krankenkasse (TK) vorgestellten „Cannabis-Report“ entgegnet der Experte Grotenhermen: „Der Bericht verwechselt eine unzureichende Studienlage bei bestimmten Indikationen mit einer mangelnden Wirksamkeit. Wenn klinische Studien bei einer bestimmten Indikation bisher nicht durchgeführt wurden, bedeutet das nicht, dass Cannabis dabei unwirksam ist. So wurde die Wirksamkeit bei chronischen Darmerkrankungen bisher nicht ausreichend klinisch untersucht. Das bedeutet nicht, dass Cannabis dabei nicht wirksam ist. Denn viele Erfahrungsberichte legen eine gute Wirksamkeit nahe.“

Medizinalhanf: Die größten Gewinne machen Pharmafirmen

Hans-Georg Kress, Chef der Klinischen Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie am Wiener AKH, verwies zuletzt auf das „Riesengeschäft der Cannabis-Industrie“. Dazu Grotenhermen: „Das größere Geschäft wird mit den synthetischen und halbsynthetischen Produkten Dronabinol von der deutschen Pharmafirma Bionorica und Sativex von dem spanischen Pharmaunternehmen Almirall S.A. gemacht. Diese Arzneimittel sind wesentlich teurer, und die Gewinnspannen sind höher.“

In Österreich profitiert vor allem Bionorica von der aktuellen Gesetzeslage, denn gegen den internationalen Trend ist eine Heilbehandlung mit qualitätsgeprüften Cannabisblüten und pflanzlichen Extrakten in Österreich illegal. Zulässig ist nur die Behandlung mit synthetischem und halbsynthetischem Cannabis, meist in Form von Dronabinol. Die monatlichen Kosten liegen für chronische Patienten bei 600 bis 800 Euro. Dabei spricht sich eine Mehrheit der Bevölkerung längst für Cannabis in der Medizin aus. Laut einer repräsentativen Befragung von Peter Hajek (September 2017) sind 61 Prozent dafür, dass medizinisches Cannabis unter ärztlicher Verschreibung erhältlich sein soll. 59 Prozent wünschen sich medizinisches Cannabis auf Rezept in Apotheken.

Kubelka: Cannabis als Arzneimittel wünschenswert

Für eine Legalisierung der Arzneidroge Herba Cannabis spricht sich auch Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Kubelka vom Pharmaziezentrum der Universität Wien aus. „Zugelassene Cannabinoid-Präparate, seien es Extrakte oder Reinsubstanzen, werden in Österreich seit mehreren Jahren bei verschiedenen Indikationen erfolgreich eingesetzt. Die medizinische Anwendung der Arzneidroge Herba Cannabis (Blütenstände der weiblichen Pflanze) wäre hier als kostengünstige, wirksame und nebenwirkungsarme Behandlungsform äußerst wünschenswert. Voraussetzung dafür ist die Legalisierung der Verfügbarkeit einer geeigneten Arzneidroge in Apotheken, die bei entsprechender Indikation auf ärztliches Rezept abgegeben werden kann“, sagt Kubelka.

Herba Cannabis als Arzneimittel vermeidet illegale Anwendung

Das Department für Pharmakognosie forscht seit Jahrzehnten an der Zusammensetzung der Cannabispflanze und ihrem Wirkungsspektrum. „Auch wenn viele Fragen noch offen sind (welcher Cannabis-Typ mit welcher Wirkstoffzusammensetzung ist optimal, bei welcher Indikation und welcher Applikationsform etc.), könnte mit der Legalisierung von Herba Cannabis als Arzneimittel die illegale Anwendung von Cannabis zur Selbstmedikation vermieden werden. Eine Behandlung unter ärztlicher Beratung und Kontrolle wäre so für die Patienten möglich“, so Kubelka. Der Pharmazeut plädiert dafür, dass die Qualität der zugelassenen Arzneidrogen möglichst bald durch eine erste Monografie, etwa im europäischen oder österreichischen Arzneibuch, festgelegt wird.

Entourage-Effekt: Vielstoffgemische zeigen bessere Wirkung

Die Experten fordern daher, die Cannabisblüte in der Medizin als Rohmaterial zuzulassen, um daraus standardisierte Extrakte mit normierten Werten zu produzieren. Die Forschung gibt Hinweise darauf, dass sich die Wirksamkeit der Cannabispflanze nicht auf Einzelsubstanzen oder synthetische Derivate beschränken lässt. Damit bestätigt sich ein in der Phytotherapie bekanntes Phänomen: Standardisierte Pflanzenextrakte (Vielstoffgemische) zeigen eine bessere Wirksamkeit als Präparate, die nur einen Reinwirkstoff einer Pflanze enthalten. Bereits die klinische Metastudie von Franjo Grotenhermen und Arno Hazekamp (2016) konnte zeigen, dass von den 32 kontrollierten Hanfstudien acht ausschließlich mit natürlichen Hanfpräparaten in oraler und inhalativer Form mit großem Erfolg an hunderten Patienten durchgeführt wurden. In Studien mit synthetischen Cannabinoiden wurde zudem gezeigt, dass Nebenwirkungen auftreten können, die bei natürlichen Cannabinoiden nicht auftreten.

Rudolf Brenneisen ist Professor der Pharmazie und war bis 2014 Forschungsgruppenleiter im Department Klinische Forschung an der Universität Bern. Der Cannabisforscher plädiert seit Jahren für Cannabinoide in der Medizin. „Der Fokus liegt auf dem psychoaktiven Tetrahydrocannabinol und dem nichtpsychoaktiven Cannabidiol, die als Monosubstanzen eingesetzt werden. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Bis jetzt sind uns 500 Inhaltsstoffe und 80 Wirkstoffe der Cannabispflanze bekannt, dennoch nimmt man einen Hauptwirkstoff heraus. Monosubstanzen haben aber den Nachteil, dass alle anderen potenziell wirksamen Cannabinoide nicht zur Wirkung kommen, denn Cannabis ist eine wahre Chemiefabrik“, so Brenneisen.

Cannabisextrakte als leistbare Alternative

Ein weiterer Aspekt ist ein wirtschaftlicher: Heute müssen Medikamente teure und langwierige Tests durchlaufen, um eine Zulassung zu bekommen. Eine Pflanze kann hingegen nicht patentiert werden, was bedeutet, dass eine Nutzung standardisierter Pflanzenextrakte, die für den Patienten und Steuerzahler kostengünstigere Alternative ist. Denn im Gegensatz zu der von einigen Schmerzmedizinern getätigten Aussage lassen sich Hanfsorten mit einer bestimmten Wirkstoffzusammensetzung heute standardisiert züchten, aufziehen und vermehren. Damit kann problemlos ein Extrakt hergestellt werden, das sich sehr genau dosieren lässt. Der Allgemeinmediziner Kurt Blaas ist seit 1998 auf Cannabismedizin spezialisiert. Blaas behandelt seine Patienten mit synthetischen und natürlichen Cannabinoiden und gilt als Pionier in der Cannabismedizin. Er sagt zur Kritik der Schmerzgesellschaft: „Meine Patienten möchten etwas, das gut wirkt und keine Nebenwirkungen hat. Durch eine genaue Auslese der Cannabissubstanzen und unter medizinischer Anleitung ist das heute problemlos möglich. Tees und Tropfen aus natürlichen Cannabinoiden sind sehr gut verträglich und einfach in der Anwendung, gerade bei älteren und chronischen Patienten. Nach zwanzig Jahren Erfahrung und den Rückmeldungen tausender Patienten kann ich bestätigen, dass natürliche Cannabinoide besser und breiter wirken – das erklärt auch die starke Nachfrage der Patienten.“ Eine Legalisierung von Medizinalhanf ist ihn nur mehr eine Frage der Zeit. „Die Patienten lassen sich heute nicht mehr mit überteuerten synthetischen Produkten abfertigen, wenn leistbare, hochwertige Extrakte und Cannabisblüten besser und ohne Nebenwirkungen sind. Und diese Patienten haben ein Recht darauf, nicht länger kriminalisiert zu werden“, so Blaas.

Die Therapie mit der Cannabisblüte erfordert Erfahrung

Dass der Schmerzmediziner Rudolf Likar sagt, Medizinalhanf brauche die moderne Medizin nicht, erinnert Franjo Grotenhermen an Ärzte in Deutschland, die mit der Anwendung von Cannabisblüten keine Erfahrung haben. „THC und Sativex sind etwas für Anfänger. In der Tat benötigt man für eine Therapie mit Cannabisblüten mehr Erfahrung, um die Vorteile von Cannabisblüten bei der Wirkung und Verträglichkeit nutzen zu können. Aber Ärzte, die es vorziehen, Dronabinol zu verschreiben, verlieren nichts, wenn Ärzte mit mehr Erfahrung die Möglichkeit bekommen, die zusätzlichen Vorteile einer Therapie mit Cannabisblüten zu nutzen“, sagt Grotenhermen.

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