Empörung über Cannabisblüten-Bericht des Gesundheitsministeriums

Wien, 20. März 2019 – Während bei der gleichzeitig stattfindenden Drogenkonferenz der Vereinten Nationen (UN) in Wien die Abstimmung über die Reklassifizierung von Cannabis für März 2020 angesetzt wurde, sträubt sich das österreichische Gesundheitsministerium gegen die von den Oppositionsparteien geforderte Liberalisierung von Cannabis in der Medizin. Demzufolge soll alles beim Alten bleiben und die in vielen Ländern schon lange erhältlichen Cannabisblüten sollen in Österreich weiterhin als Heilmittel verboten bleiben.

Ein elfseitiger Bericht zu einem Entschliessungsantrag aller Parteien von Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein bzw. der von ihr beauftragten Institutionen wiederholt überkommene Mythen und widerspricht sich teilweise selbst. So heisst es mal, dass es keine gesicherten Erkenntnisse über den Einsatz von Cannabisblüten gibt, während dann wieder klinische Indikationen angeführt werden, wo natürliches Cannabis sehr gut wirkt.

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Cannabis-Befürworter aus allen Lagern kritisieren, dass der Bericht lediglich die ideologische Sichtweise der Regierung, die insgesamt für eine repressivere Drogenpolitik ist, wiedergibt. Von der Liste Jetzt sieht Daniela Holzinger-Vogtenhuber „Wissenschaftschauvinismus“. Es fehle an „jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Auf elf Seiten wird die Linie der FPÖ und von Ministerin Beate Hartinger-Klein festgeschrieben.“

In dem Papier wird unter anderem eine unzureichende Datenlage bemängelt. Holzinger-Vogtenhuber: „Wir haben Evidenzen aus der ganzen Welt, dass Cannabis als Naturprodukt in der Medizin gute Ergebnisse liefert.“

Dem pflichten auch zwei Ärzte bei, die die Liste Jetzt zur Unterstützung geladen hat. Kurt Blaas  zählte in einer Presskonferenz internationale Studien auf und wies daraufhin, dass sich Cannabis-PatientInnen jetzt am Schwarzmarkt versorgen müssten, weil es in der Apotheke nur das Monosubstanz-Präparat Dronabinol (zu einem Vielfachen der Schwarzmarktpreise) gibt.

Doch dann kämen die Patienten mit folgenden Argumenten: „Wir verwenden die Blüte. Sie wirkt allumfassender, sie wirkt stärker. Die Patienten müssen sich die Blüten auf dem Schwarzmarkt besorgen, über Stecklinge irgendwoher“ oder über Auslandskontakte. „Wir brauchen für die Patienten eine legale Lösung“, sagte der Arzt.

Gynäkologin Iris Pleyer, die vor allem Cannabidiol (CBD) verschreibt, stimmt zu:„Es ist kein Allheilmittel, es ist in der Hand des Arztes ein wunderbares Mittel. Cannabis wurde in Kanada zugelassen. Es gibt Tausende Studien zu CBD und THC. Wir brauchen nur über die Grenze zu schauen“, sagte die Gynäkologin.

In einer Sitzung des Gesundheitsausschusses am 19. März lagen die verhärteten Fronten offen.

Die Liste JETZT stellte am Ende der Sitzung ein Verlangen auf „Nicht-Enderledigung“. Sie will auch einen gemeinschaftlichen Antrag mit SPÖ und NEOS für die Erstellung eines zweiten Expertenberichts zur Causa der medizinischen Verwendung von Cannabinoiden aus natürlichen Quellen bzw. von Cannabisblüten erreichen. Hier sollen laut den Intentionen alle Oppositionsparteien kooperieren. Der Auftrag dafür soll an eine „unabhängige“ Institution gehen.

Leerlauf in der Cannabis-Politik

Weitere kritische Stimmen sind in der Parlamentskorrespondenz vermerkt. Maurice Androsch (SPÖ) zeigte sich ebenso enttäuscht von dem Bericht. Man hätte die Erfahrungsberichte von SchmerzpatientInnen einfließen lassen und Stellungnahmen veröffentlichen sollen. Ein wesentlicher Punkt fehle in dem Bericht außerdem zur Gänze – nämlich die Abschätzung der zukünftigen Rahmenbedingungen, vor allem in Hinblick auf die internationalen Entwicklungen in Bezug auf die Liberalisierung von Cannabis. Österreich ist derzeit weltweit das einzige Land, das in der Cannabis-Politik den Leerlauf eingelegt hat.

SPÖ-Fraktionskollegen Markus Vogl und Philip Kucher forderten dazu auf, die bestehenden Regelungen in anderen Ländern zu evaluieren, um das Thema von mehreren Seiten zu betrachten sowie zusätzliche Forschungen durchzuführen. Mit dem in dieser Form vorgelegten Bericht habe die Bundesministerin „ihren Job nicht gemacht“ und die parlamentarische Arbeit nicht ernstgenommen.

Widersprüchlich ist auch der Fakt, dass in dem Bericht Blüten als teuerste Form der Therapie bezeichnet werden, obwohl das Ministerium dazu keine Daten haben will. Dies macht keinen Sinn: Die staatseigene AGES, kontrolliert vom Gesundheitsministerium,  züchtet seit über einem Jahrzehnt hochpotente Cannabisblüten und verkauft diese zu einem kolportierten Kilopreis von rund 1.800 Euro an den Pharmakonzern Bionorica, der daraus das THC-Extrakt ‚Dronabinol‘ produziert, das wieder nach Österreich importiert und hier zum etwa 100-fachen des Cannabis-Verkaufpreises in Apotheken gegen Rezept abgegeben wird.

Aberwitzige Standards gefordert

Auch Chemiker und Toxikologe Rainer Schmid, der von der SPÖ als Experte geladen wurde, übt Kritik, sagte er der Tageszeitung Der Standard: „Der Oberste Sanitätsrat sprach sich in seiner Stellungnahme an Hartinger-Klein dafür aus, nur zugelassene synthetische Medikamente zu erlauben. Fakt ist aber, dass in den letzten zehn Jahren weiterhin viele andere, neue Medikamente ohne umfangreiche Zulassungsstudien erfolgreich auf den Markt kamen. Primär aus ethischen Gründen, um sie nicht Patienten vorenthalten zu müssen. Aber bei Cannabinoiden soll das jetzt nicht möglich sein. Hier werden plötzlich Standards gefordert, die aberwitzig sind.“

Aufgrund des entsprechend unterstützen Verlangens von Holzinger-Vogtenhuber auf „Nicht-Enderledigung“ wird der Bericht betreffend Liberalisierung von Cannabis zu medizinischen Zwecken auf der Tagesordnung der nächsten Plenartage stehen.

Auf internationaler Ebene hat sich die Weltgesundheitsorganisation WHO im vergangenen Jänner in einem Bericht für die Reklassifizierung von Cannabis ausgesprochen.

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Spielraum für den Einsatz von natürlichem Cannabis gibt es genug. Bereits seit 1984 anerkennt die WHO ‚herbal medicines‘, also Heilmittel pflanzlicher Natur.

Marijuana.com kritisiert falsche Zahlen des Ministeriums

In einem Artikel auf Marijuana.com rechnet Autor Micha Knodt vor, dass das Gesundheitsministerium mit falschen, aus Deutschland übernommenen Zahlen zu den Kosten von Cannabispräparaten und Blüten argumentiert:

Anscheinend versucht das FPÖ-geführte Gesundheitsministerium mit der gleichen Verdrehung von Tatsachen wie einige Verbände in Deutschland, die ungeliebte, natürliche Form der Cannabis-Medizin außen vor zu halten. Denn Cannabisblüten aus der Apotheke sind trotz des horrenden Preises von knapp 24 Euro pro Gramm immer noch um Längen billiger als die von Österreichs Regierung favorisierten Extrakte. Entscheidend hierfür ist der Preis für den Hauptwirkstoff THC. Errechnet man diesen für 1000mg THC ganz genau, dreht sich die ganze Sache plötzlich zu Ungunsten der Fertigpräparate.

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  • Eine Packung Dronabinol mit insgesamt 500 mg THC kostet als Rezepturarzneimittel etwa 440 €. Der Preis setzt sich jeweils zur Hälfte aus der Gebühr für die Herstellung durch den Apotheker und dem Rohstoffpreis zusammen. 1000 mg THC kosten hier also 880 Euro.
  • Das Cannabisblüten-Vollextrakt THC10:CBD10 des kanadischen Produzenten Tilray enthält 250 mg THC und kostet 304,59 Euro. Somit schlagen 1000mg THC hier mit 1218,68 Euro zu Buche.
  • Das Cannabisblüten-Vollextrakt THC 25 des kanadischen Produzenten Tilray enthält 625 mg THC und kostet in Deutschland 410,55 Euro. Also kosten 1000 mg des Hauptwirkstoffs THC 656,85 Euro.
  • 10 Gramm Cannabis Flos der Sorte Peace Naturlals 20/1 kosten 239,00 Euro und enthalten 2000mg THC. Somit kosten 1000mg THC als Cannabisblüte, selbst bei dem derzeit hohen Grammpreis von fast 24 Euro, aktuell 119,50 Euro. In den niederländischen Apotheken, kostet das selbe pflanzliches Cannabis der Firma Bedrocan, das es in Deutschland für 23,90 pro Gramm gibt, in der Apotheke sieben Euro. Das liegt daran, dass die Aufschläge der Zwischenhändler und Apotheken dort geringer als in Deutschland sind. Bei einer wie in den Niederlanden gestalteten Preispolitik könnten 1000mg THC auch hier, genau wie in den Niederlanden, nur 31,82 Euro kosten.
  • Sativex-Spray hat eine Zulassung als Fertigpräprat und kostet pro Set 333 €. Das enthält 3 Flaschen mit 90 Sprühstößen a 2,7 mg THC. Das sind insgesamt 729 mg THC und ergibt einen Preis von 450,68 Euro für 1000 mg Wirkstoff. Sativex enthält neben THC auch CBD und ist für therapieresistente Spastiken bei MS zugelassen.

Die pflanzliche Variante ist bei einem Preis von 119,50 Euro pro 1000mg im Vergleich zu den Extrakten, wo dieselbe Wirkstoffmenge zwischen 450 und 1218 Euro kostet, demnach weitaus billiger als alle angebotenen Extrakte.

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